Der Tod tanz nicht allein | Elvira Mienert

Der Tod tanz nicht allein

Totentanz-Zyklen im 21. Jahrhundert

Elvira Mienert

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Seit langem säkularisiert ist die Abtei Neumünster in Luxemburg, für deren Kreuzgang Désirée Wickler Eldorado (2018/19) konzipierte. Edgar Allan Poes gleichnamiges Gedicht entnimmt Wickler, neben den Motiven des Goldes und des Schattens, den Titel dieses 24-teiligen Danse macabre, dessen zwei Meter hohe Leinwände in Arkadenform die Proportionen der Fenster des Kreuzgangs aufnehmen. Einst der Ort einer Grablege, rekurriert Wickler auf die Anfänge, als sich die Totentänze an den Mauern der Friedhöfe fanden. Neben der Form ist es die partielle Farbwahl an den Rändern der Leinwand, die die Farbigkeit der Wand aufnimmt und Eldorado so mit der Mauer verschmelzen lässt. Die gleichberechtigte Verbindung von Symbolen der Kirche, Konsumgütern, Pop- und Alltagskultur fordert zum Dechiffrieren auf. Aus Edding-Stift, Acryl und Kreide bis hin zu Blattgold entstehen gemalte Collagen, deren feinsinniger Aufbau stets zu ausgewogenen Bildkompositionen führt.  Bildbeherrschend sind die fast lebensgroßen, engumschlungenen Aktfiguren. Meist tritt der Tod, bei dem die Haut des Körpers transparent ist und den Blick auf sein Skelett freigibt, wie ein Schatten hinter den Menschen, während er Schatten selbst sich emanzipiert hat. Cross mutet formal wie ein Altarbild an, wozu die Symmetrie ebenso beiträgt wie der aus Blattgold bestehende Hintergrund. Die Szene erinnert an eine Kreuzabnahme, der Tod scheint den vor ihm Knieenden zu stützen, jedoch hat er dessen Kopf soweit zurückgebogen, dass er ihm das Genick brechen wird. Bei Wickler ist der Tod nicht „Freund Hein“, sondern ein unerbittlicher Gegner, mehr Kampf- als Tanzpartner. Als Silhouetten sind Bär und Bulle, synonym für die Börse, im Goldgrund ausgespart, ihnen gegenüber ist ein Zitat aus der Ballade Wovon lebt der Mensch aus der Brecht’schen Dreigroschenoper wie ein Graffiti in die Wand gekratzt: GRUB FIRST THEN ETHICS. Wicklers Totentanz prangert unseren selbstsüchtigen, konsumorientierten Lebensstil an, bei dem wir die Folgen unseres Handelns weder für uns selbst noch für die globale Gemeinschaft bedenken. Jeder Betrachter und jede Betrachterin wird sich in ihm, oft nicht nur einmal, wiederzufinden.

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Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Elvira Mienert und dem Magazin kunst und kirche.