Die Luxemburger Künstlerin Désirée Wickler (*1983) erwarb ihr Diplom an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. Seit sie 2009 als freie Künstlerin tätig ist, wird ihr Werk auf nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Danse Macabre. Vor allem ist hier das 2019 realisierte Totentanz-Projekt Eldorado zu nennen, in dessen Zentrum ein 24teiliger, großformatiger Gemäldezyklus steht. Die Künstlerin, die in Linz am Rhein lebt und arbeitet, betont daneben auch ihre Leidenschaft für Grafik und Buchkunst.
Die Bimedialität der frühen Totentänze wird von Désirée Wickler aufgegriffen. Sie setzt den Titel des Blattes Finale Choreografie als schmale Textzone in Orange unter die Darstellung des Tanzpaares. Es ist ein Spiel mit der Typografie, bei dem sich Worte aus Minuskeln und Versalien abwechseln. Groß, zentral und mächtig nimmt ‚CHOREO’ fast den gesamten Raum unter dem Bildfeld ein. Diese hat nicht nur beim Tanz, sondern auch beim Wrestling ihren Ort und tatsächlich sieht es fast nach einem Ringkampf aus, der hier ausgetragen wird. Das kleine ‚finale’ zu Beginn des Textblocks weist darauf, dass es der Tanz des Todes ist, der hier choreografiert wird, die ebenfalls kleine ‚grafie’, um 90 Grad gedreht, setzt den abschließenden Riegel. Wie auch schon bei Eldorado ist das Künstlerinnenmonogramm, hier verbunden mit der Nummerierung, ein weiteres — kleines und diskretes — Gestaltungselement. Die in früheren Zeiten unter der Darstellung stehende Aufforderung zum Tanz, mit der der Knochenmann die Todgeweihten mit sich nimmt, wandert in die Darstellung selbst und steht, ebenfalls in Versalien, in einer rosa Sprechblase: „Komm tanz mit mir“. Wer denkt nun nicht an das bekannte Kinderlied, auch wenn das „Brüderchen“ nicht genannt ist? So sind auch die Lebensphasen von der Kindheit über das Erwachsenenalter bis zum bevorstehenden Tod gegenwärtig.
Die Darstellung des ungleichen Tanzpaares nimmt den gesamten Bildraum des Weißlinienschnitts ein. Deutlich heben sich die weißen Figuren vom sattschwarzen Hintergrund ab und durchschneiden den Raum derart, dass mehrere Dreiecke entstehen. Die Handlung spielt im Irgendwo-Nirgendwo, wobei der Tod mit seinen rein weißen Knochen wie ein umgekehrter Scherenschnitt erscheint. Dagegen führt eine Lichtquelle wie von Scheinwerfern dazu, dass die Figur des jungen Mannes modelliert wird, dessen starke Hell-Dunkel-Zeichnung an Caravaggios Tenebrismus erinnert, ein Bezug, der auch durch das Gewaltvolle des Motivs bestärkt wird.
Der Tod hat die Führung längst übernommen. Der vermeintlich feste Stand des Mannes, dessen Fuß sich in der linken unteren Ecke zu verankern sucht, wird dem Knochentänzer nicht standhalten können, der keiner stützenden Ballettschuhe bedarf, wenn er sich grazil und elegant auf zarten Zehenknöcheln nähert. Sein rechter Arm ist nicht zu sehen, er hinterfängt wohl den des Moribunden. Der andere Arm drückt den Kopf nach unten, so dass uns das Gesicht des Mannes verborgen bleibt, was die Allgemeingültigkeit des Geschehens steigert. Dem Blatt Finale Choreografie hat Désirée Wickler komprimierte Kraft und Energie eingeschnitten und dabei zentrale Motive des Totentanzes in unsere Zeit geführt.
(mit freundlicher Genehmigung der Autorin Elvira Mienert, MA Kunsthistorikerin)