Zeichnung und Druckgrafik bei Désirée Wickler

Désirée Wickler hat sich in den letzten Jahren durch ihre kontinuierliche künstlerische Arbeit und eine rege Ausstellungstätigkeit auf nationaler wie internationaler Ebene einen hervorragenden Ruf im Bereich der Zeichnung, der Druckgrafik und des Künstlerbuches erworben.

Ihr künstlerisches Hauptthema ist die Frage nach der Selbstidentität des Menschen; ihr primärer Darstellungsgegenstand der zumeist weibliche Körper. Mit Schwung und Ausdauer umkreist sie Fragen nach einem selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper und individueller Schönheit. Die Auseinandersetzung mit den eigenen und den von außen an das Individuum herangetragenen Ansprüchen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr vielschichtiges Werk. Die ostentative Nacktheit der Körper wird dabei zu einer Metapher für die Suche nach dem eigenen Selbst, das sich immer zwischen Introspektion und Außenschau bewegt.
Bei dieser Suche legt Désirée Wickler die ebenso faszinierende wie erstaunliche Widersprüchlichkeit des Menschen frei. In einer allgemeineren Herangehensweise beleuchtet sie vor diesem Hintergrund die Wechselwirkungen des Menschen mit der Gesellschaft.

Ihre Zeichnungen und Grafiken wirken oftmals sehr schroff und grob. Dabei gelingt es ihr, ein angemessenes Wechselspiel zwischen formaler Gestaltung und der angestrebten Aussageintention herzustellen. Neben der unleugbaren Härte vieler Arbeiten finden sich häufig auch sehr zarte Momente in den Werken wieder. Hier bekommen die Figuren etwas sehr Anrührendes und Sanftes. Sensibel setzt Désirée Wickler immer wieder die internen Spannungsfelder des fragilen Ichs ins Bild.

Was sowohl bei den Zeichnungen als auch im druckgrafischen Werk auffällt, ist der verblüffende Reichtum der Materialien und Techniken, die zum Einsatz kommen. Mühelos überführt Désirée Wickler diese Mannigfaltigkeit immer wieder in ihre unverwechselbare künstlerische Handschrift.
Dabei entwickelt sie ihre Arbeiten oftmals Schicht für Schicht, wodurch es zu einem komplexen Wechselspiel zwischen prägnant gesetzten Verdichtungen und locker gestalteten Flächen kommt. Die Zeichnungen erhalten eine sehr haptische Dimension und das Auge des Betrachters tastet unermüdlich die lebendigen Oberflächen ab und versucht beständig sinnfällige Beziehungen zwischen den Bildelementen herzustellen. Damit erreicht sie eine sehr viel unmittelbarere Integration des Betrachters. Gerade bei den Künstlerbüchern wird deutlich, auf wie vielen Sinnesebenen eine Rezeption der Arbeiten möglich wird. Es entstehen sehr persönliche, fast schon intime Situationen bei der Beschäftigung mit diesen Kleinoden der Bücherkunst.

Eine einzigartige Verzahnung ihrer Zeichnungen mit dem Umgebungsraum schafft sie, wenn sie ortsgebundene Arbeiten realisiert. Entsprechend den räumlichen Vorgaben konzipiert sie Arbeiten, die in den Kontext eng eingebunden sind und die in ein Dialogverhältnis zum Umgebungsraum eintreten.
Eine zentrale Rolle spielt hierbei das Licht, das die Werke abhängig von der Tageszeit durchleuchtet und in ihrer Wirkung massiv beeinflusst. Hier wird das Licht zu einem entscheidenden Faktor hinsichtlich der ästhetischen und inhaltlichen Aussagekraft der Zeichnungen.

Désirée Wicklers singuläres Werk besticht durch die intensive Auseinandersetzung mit den Themen selber sowie auch die beharrliche Suche nach der optimalen ästhetischen Präsentationsform. Mit emphatischer Teilnahme und mit einer Prise Humor gewürzt vertritt sie einen authentischen künstlerischen Standpunkt, dessen Komplexität die wesensimmanente Widersprüchlichkeit des Menschen spiegelt. Es entstehen Arbeiten, die uns unter die Haut gehen und uns nicht ruhen lassen.

Von Steffen Neuburger, Kunsthistoriker