{"id":513,"date":"2017-05-16T15:41:13","date_gmt":"2017-05-16T13:41:13","guid":{"rendered":"https:\/\/desireewicklerblog.wordpress.com\/?page_id=513"},"modified":"2017-05-16T15:41:13","modified_gmt":"2017-05-16T13:41:13","slug":"zum-phaenomen-fleisch-in-den-zeichnungen-von-desiree-wickler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.desireewickler.net\/fr\/home\/zum-phaenomen-fleisch-in-den-zeichnungen-von-desiree-wickler\/","title":{"rendered":"Zum Ph\u00e4nomen Fleisch in den Zeichnungen von D\u00e9sir\u00e9e Wickler"},"content":{"rendered":"<p>Ein wenig spr\u00f6de wirken die Arbeiten von D\u00e9sir\u00e9e Wickler auf den ersten Blick schon. Zudem auch teilweise morbide und mitunter hart in der Darstellung. Die ersten Sekunden der Betrachtung werden von einem Gef\u00fchl des Unbehagens und der Verunsicherung dominiert, welches man mit Bestimmtheit auch behalten w\u00fcrde, sollte man sich nicht die M\u00fche machen, sich mit den dargestellten Inhalten intensiver auseinander zusetzen.<\/p>\n<p>Entscheidet man sich f\u00fcr die arbeitsintensivere Variante verlieren die Zeichnungen dagegen zunehmend ihren abgrenzenden Charakter; statt dessenbeginnen sie sich zu \u00f6ffnen und einen Inhalt zu erl\u00e4utern, der in vielerlei Hinsicht aktueller und gleichzeitig traditioneller kaum sein kann. Dar\u00fcberhinaus offenbaren sie eine Verletzlichkeit, die in v\u00f6lliger Gegens\u00e4tzlichkeit zum ersten Eindruck steht.<\/p>\n<p>F\u00fcr manch sensiblere Gem\u00fcter bleiben die Zeichnungen wohlm\u00f6glich Darstellungen von Sexualit\u00e4t, offener Nacktheit und eindeutiger Rohheit. Sie k\u00f6nnten somit lediglich als Ausdruck dessen gelten, was eine in Sachen K\u00f6rperkultur, Freiz\u00fcgigkeit und allgemein moralischen Werten scheinbar zunehmend freier denkende Gesellschaft erlaubt. Also als das Produkt k\u00fcnstlerischer Ambitionen, deren Ursprung mitunter auch im etwas zwielichtigen Umfeld des Eros begr\u00fcndet ist. Vordergr\u00fcndig mag das zutreffen. Doch nutzt D\u00e9sir\u00e9e Wickler die dargestellte K\u00f6rperlichkeit lediglich als Transmitter und zur Verdeutlichung f\u00fcr die Themen, die der K\u00fcnstlerin am Herzen liegen und die zudem eigentlich fast jeder Form der Darstellung von Haut und K\u00f6rpern innewohnen, obwohl sie in diesen Kontexten meist nicht zur Kenntnis genommen werden \u2013 oder vielmehr verdr\u00e4ngt und (un-)bewusst ausgeklammert werden. Es geht ihr letztlich also nicht um die Darstellung von nackter Haut, sondern um das, was sich realiter und auch sinngem\u00e4\u00df darunter befindet: Fleisch, organisches Gewebe. Es geht ihr letztlich also nicht um die Darstellung von nackter Haut, sondern um das, was sich realiter und auch sinngem\u00e4\u00df darunter befindet: Fleisch, organisches Gewebe.<\/p>\n<p>D\u00e9sir\u00e9e Wicklers Arbeiten illustrieren die bildliche Vieldeutigkeit, die sich im Begriff Fleisch (im weiteren Sinne auch im Begriff Blut) verbergen. Dazu kann man nat\u00fcrlich Fleisch sowohl als gesundes, blutrotes als auch als intensivrosafarbenes, mit Antibiotika \u00fcberfrachtetes Nahrungsmittel ebenso z\u00e4hlen, wie die schlichte Begierde und die erotische Stimulation im Sinne von Fleischeslust. Die Ambivalenz, die von der organisch-haptischen Gegenst\u00e4ndlichkeit und dem metaphorisch-symbolischen Inhalt Fleisch ausgeht, ist es, die D\u00e9sir\u00e9e Wickler fasziniert und gleichzeitig faszinierend umsetzt.<\/p>\n<p>Dabei zielt die luxemburgische K\u00fcnstlerin nicht auf eine moralisierende Position, die sie einzunehmen gedenkt, um den Betrachter in Rechtfertigungsdrang zu bringen. Esse ich zuviel Fleisch? Darf ich \u00fcberhaupt Fleisch essen? In welcher Situation und in welcher Form ist das Ausleben von Trieben moralisch verwerflich oder zumindest fragw\u00fcrdig? Das sind nicht die Fragen, die in ihrem Werk eine Rolle spielen. Nicht die Fragen ob wir dies oder das d\u00fcrfen ist der Hintergrund ihrer Arbeiten, sondern vielmehr die allt\u00e4gliche und bewussteHinterfragung, ob und vor allem warum wir dies oder jenes denken zu brauchen. In welcher Form soll das Begehrte und Ben\u00f6tigte unser Leben verbessern und warum glauben wir \u00fcberhaupt, dass wir bestimmte Begehrlichkeiten und \u201eN\u00f6te\u201c mit uns tragen, die wir scheinbar zu befriedigen haben?<\/p>\n<p>Der Inhalt ihrer Arbeiten ist einerseits der moderne Aufruf zum Verzicht und zur M\u00e4\u00dfigung bzw. der Hinweis auf ein die Konsequenzen bedenkendes Handeln. So gesehen stellen die Arbeiten eine aktuelle Form einer Vanitas dar. Die bildlich-metaphorische Darstellung der menschlichen Verg\u00e4nglichkeit mit dem Hinweis auf das endliche Diesseits und darauf, dass alle \u00e4u\u00dfere Eitelkeit und peripheren Werte im finalen Nichts enden und sich alle juvenile Ausstrahlung und etwaige Laszivit\u00e4t im Laufe der Jahrzehnte letztendlich in G\u00e4nze aufl\u00f6sen. Andererseits spiegeln die Arbeiten v\u00f6llig menschliche Bed\u00fcrfnisse, Zw\u00e4nge und \u00c4ngste wieder, die in manchen Teilen in klarer Eindeutigkeit und in anderen Bereichen bzw. auch gleichzeitig als humoristische Karikatur vor Augen gef\u00fchrt werden. Die Zeichnungen versuchen nicht zu belehren. Im h\u00f6chsten Falle lehren sie den Betrachter, den Menschen in seiner widerspr\u00fcchlichen und inkonsequenten Vielseitigkeit wahrzunehmen. Dieses Triebwesen, das trotz besseren Wissens in vielen Bereichen zu weit gehen mag und in seiner Gier nach Vergn\u00fcgen und genuss\u00fcchtigem Lebensstil zu einer schonungslosen Ma\u00dflosigkeit neigt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird genau dieser Charakterzug des Menschen mit einer wohlwollenden und verst\u00e4ndnisvollen Distanz betrachtet, wodurch sich in den Zeichnungen eindeutig humoristische Elemente ergeben, da aufgrund dieses Wohlwollens befremdliche und erschreckende Wesensz\u00fcge des Menschen nicht unbedingt der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben, aber doch mit einem ungl\u00e4ubigen Staunen bel\u00e4chelt werden, weshalb diese Wesensz\u00fcge ihren \u201eSchrecken\u201c verlieren. Vielleicht muss man g\u00e4nzlich puritanischer Auffassung sein, um die Zeichnungen nur als Stilisierung jeglichen hedonistischen Lebens zu betrachten. Vielleicht kann man sie ebenso als dokumentarische Darstellung des nach Lust heischenden Objekts Mensch und somit als Teil des Hedonismus auffassen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend lassen sich die Zeichnungen von D\u00e9sir\u00e9e Wickler aber eigentlich als Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Humanismus einsch\u00e4tzen, das trotz allen Werbens f\u00fcr die allgemeine Toleranz aber nicht unterl\u00e4sst, auf die negativen, obsz\u00f6nen und gef\u00e4hrlichen Seiten des Menschen hinzuweisen.<\/p>\n<p>Von Stefan Moll, Galerist<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wenig spr\u00f6de wirken die Arbeiten von D\u00e9sir\u00e9e Wickler auf den ersten Blick schon. Zudem auch teilweise morbide und mitunter hart in der Darstellung. 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