Zum Phänomen Fleisch in den Zeichnungen von Désirée Wickler

Ein wenig spröde wirken die Arbeiten von Désirée Wickler auf den ersten Blick schon. Zudem auch teilweise morbide und mitunter hart in der Darstellung. Die ersten Sekunden der Betrachtung werden von einem Gefühl des Unbehagens und der Verunsicherung dominiert, welches man mit Bestimmtheit auch behalten würde, sollte man sich nicht die Mühe machen, sich mit den dargestellten Inhalten intensiver auseinander zusetzen.

Entscheidet man sich für die arbeitsintensivere Variante verlieren die Zeichnungen dagegen zunehmend ihren abgrenzenden Charakter; statt dessenbeginnen sie sich zu öffnen und einen Inhalt zu erläutern, der in vielerlei Hinsicht aktueller und gleichzeitig traditioneller kaum sein kann. Darüberhinaus offenbaren sie eine Verletzlichkeit, die in völliger Gegensätzlichkeit zum ersten Eindruck steht.

Für manch sensiblere Gemüter bleiben die Zeichnungen wohlmöglich Darstellungen von Sexualität, offener Nacktheit und eindeutiger Rohheit. Sie könnten somit lediglich als Ausdruck dessen gelten, was eine in Sachen Körperkultur, Freizügigkeit und allgemein moralischen Werten scheinbar zunehmend freier denkende Gesellschaft erlaubt. Also als das Produkt künstlerischer Ambitionen, deren Ursprung mitunter auch im etwas zwielichtigen Umfeld des Eros begründet ist. Vordergründig mag das zutreffen. Doch nutzt Désirée Wickler die dargestellte Körperlichkeit lediglich als Transmitter und zur Verdeutlichung für die Themen, die der Künstlerin am Herzen liegen und die zudem eigentlich fast jeder Form der Darstellung von Haut und Körpern innewohnen, obwohl sie in diesen Kontexten meist nicht zur Kenntnis genommen werden – oder vielmehr verdrängt und (un-)bewusst ausgeklammert werden. Es geht ihr letztlich also nicht um die Darstellung von nackter Haut, sondern um das, was sich realiter und auch sinngemäß darunter befindet: Fleisch, organisches Gewebe. Es geht ihr letztlich also nicht um die Darstellung von nackter Haut, sondern um das, was sich realiter und auch sinngemäß darunter befindet: Fleisch, organisches Gewebe.

Désirée Wicklers Arbeiten illustrieren die bildliche Vieldeutigkeit, die sich im Begriff Fleisch (im weiteren Sinne auch im Begriff Blut) verbergen. Dazu kann man natürlich Fleisch sowohl als gesundes, blutrotes als auch als intensivrosafarbenes, mit Antibiotika überfrachtetes Nahrungsmittel ebenso zählen, wie die schlichte Begierde und die erotische Stimulation im Sinne von Fleischeslust. Die Ambivalenz, die von der organisch-haptischen Gegenständlichkeit und dem metaphorisch-symbolischen Inhalt Fleisch ausgeht, ist es, die Désirée Wickler fasziniert und gleichzeitig faszinierend umsetzt.

Dabei zielt die luxemburgische Künstlerin nicht auf eine moralisierende Position, die sie einzunehmen gedenkt, um den Betrachter in Rechtfertigungsdrang zu bringen. Esse ich zuviel Fleisch? Darf ich überhaupt Fleisch essen? In welcher Situation und in welcher Form ist das Ausleben von Trieben moralisch verwerflich oder zumindest fragwürdig? Das sind nicht die Fragen, die in ihrem Werk eine Rolle spielen. Nicht die Fragen ob wir dies oder das dürfen ist der Hintergrund ihrer Arbeiten, sondern vielmehr die alltägliche und bewussteHinterfragung, ob und vor allem warum wir dies oder jenes denken zu brauchen. In welcher Form soll das Begehrte und Benötigte unser Leben verbessern und warum glauben wir überhaupt, dass wir bestimmte Begehrlichkeiten und „Nöte“ mit uns tragen, die wir scheinbar zu befriedigen haben?

Der Inhalt ihrer Arbeiten ist einerseits der moderne Aufruf zum Verzicht und zur Mäßigung bzw. der Hinweis auf ein die Konsequenzen bedenkendes Handeln. So gesehen stellen die Arbeiten eine aktuelle Form einer Vanitas dar. Die bildlich-metaphorische Darstellung der menschlichen Vergänglichkeit mit dem Hinweis auf das endliche Diesseits und darauf, dass alle äußere Eitelkeit und peripheren Werte im finalen Nichts enden und sich alle juvenile Ausstrahlung und etwaige Laszivität im Laufe der Jahrzehnte letztendlich in Gänze auflösen. Andererseits spiegeln die Arbeiten völlig menschliche Bedürfnisse, Zwänge und Ängste wieder, die in manchen Teilen in klarer Eindeutigkeit und in anderen Bereichen bzw. auch gleichzeitig als humoristische Karikatur vor Augen geführt werden. Die Zeichnungen versuchen nicht zu belehren. Im höchsten Falle lehren sie den Betrachter, den Menschen in seiner widersprüchlichen und inkonsequenten Vielseitigkeit wahrzunehmen. Dieses Triebwesen, das trotz besseren Wissens in vielen Bereichen zu weit gehen mag und in seiner Gier nach Vergnügen und genussüchtigem Lebensstil zu einer schonungslosen Maßlosigkeit neigt.

Gleichzeitig wird genau dieser Charakterzug des Menschen mit einer wohlwollenden und verständnisvollen Distanz betrachtet, wodurch sich in den Zeichnungen eindeutig humoristische Elemente ergeben, da aufgrund dieses Wohlwollens befremdliche und erschreckende Wesenszüge des Menschen nicht unbedingt der Lächerlichkeit preisgegeben, aber doch mit einem ungläubigen Staunen belächelt werden, weshalb diese Wesenszüge ihren „Schrecken“ verlieren. Vielleicht muss man gänzlich puritanischer Auffassung sein, um die Zeichnungen nur als Stilisierung jeglichen hedonistischen Lebens zu betrachten. Vielleicht kann man sie ebenso als dokumentarische Darstellung des nach Lust heischenden Objekts Mensch und somit als Teil des Hedonismus auffassen.

Abschließend lassen sich die Zeichnungen von Désirée Wickler aber eigentlich als Plädoyer für den Humanismus einschätzen, das trotz allen Werbens für die allgemeine Toleranz aber nicht unterlässt, auf die negativen, obszönen und gefährlichen Seiten des Menschen hinzuweisen.

Von Stefan Moll, Galerist